WILLI heisst Sie willkommen

WILLI beim alten Kran am Neckarufer in Mannheim am 15. Juni 2004 © G. Baumgartner
WILLI beim alten Kran am Neckarufer in Mannheim am 15. Juni 2004 © G. Baumgartner

 

Mein Name ist Willi. Ich bin ein Schiff genannt „Peniche“ oder auf Deutsch „Spitz“, ich bin 1909 in Deest NL erbaut worden, bin 39.36 Meter lang und 5.01 breit. Bei einem Tiefgang von 2.10 m kann ich 307.862 Tonnen Ladung transportieren, dies entspricht dem Transportvolumen von ca. 10 Lastwagen. Angetrieben werde ich durch einen Busmotor, Daimler-Benz OM 355 mit 200 PS bzw. 147 kW Leistung.

Liegeplatz am Neckarufer in Mannheim am 13. Juli 2004 © Günther Baumgartner
Liegeplatz am Neckarufer in Mannheim am 13. Juli 2004 © Günther Baumgartner

Zu meiner Geschichte: Wie gesagt, ich bin 1909 als Kanalschiff erbaut worden. Damals hatte ich noch keinen Motor und wurde durch Pferde, Lokomotiven oder durch Menschenkraft durch die Kanäle von Hafen zu Hafen gezogen. Ich überlebte den ersten und den zweiten Weltkrieg. Viele meiner Genossen wurden in diesen schweren Zeiten bombardiert und vernichtet. Ich überstand auch die grossen Wirtschaftskrisen. 1961 erhielt ich einen Motor, seither kann ich mich selbst fortbewegen und bin nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen. Dieser Motor wurde 1972 durch den heutigen ersetzt. In meinem langen Leben fuhr ich viele Kilometer kreuz und quer durch Westeuropa. In Paris habe ich den Eifelturm gesehen, ich war in Le Havre, Lyon, Marseille, Bordeaux, Strassburg, Metz, Nancy, Saarbrücken, Brüssel, Antwerpen, Rotterdam, etc. die Liste liesse sich beliebig fortsetzen. Ich könnte heute auch noch in ganz andere Gebiete fahren, aber dies ist eine andere Geschichte. 1983 verstarb mein damaliger Eigentümer als Folge einer schweren Krankheit. Ich wurde still gelegt und sollte verschrottet werden. Die Gesellschaft zur Förderung des deutschen Rheinschiffahrtsmuseums in Mannheim e.V. hörte von diesen Absichten, übernahm mich und rette mich damit vor diesem Schicksal. 1992 wurde ich an das Landesmuseums für Technik und Arbeit (LTA; heute: Technoseum) in Mannheim übergeben. Seither liege ich mit Stahlklammern festgemacht an dem Liegeplatz am Neckar wie auf dem Bild ganz oben. Leider wurde der für mich vorgesehene Zweck als Museumsschiff, nicht mehr weiter verfolgt. Ich war zwar vor der Verschrottung gerettet, hatte aber keine Besucher und döste so Jahr für Jahr einsam vor mich hin. In den vergangenen Jahren wurde ich nicht mehr gepflegt, Vandalen bewarfen mich mit Steine und zerstörten unter anderem die Fenster und das Oberlichter, Regenwasser drang in die Wohnung ein und verursachte weitere Schäden. 2004 hörte ich die verantwortlichen Personen über eine neue, endgültige Verschrottung reden. Alternativ, könnte man vielleicht jemand finden, der noch etwas mit mir anfangen kann. Allerdings hatte ich in meinem jämmerlichen Zustand keine grosse Hoffnung, dass sich jemand für mich interessiert. Es wurde wieder ruhig um mich.

 

Im Mai 2004 wurde es plötzlich lebendig, Personen kamen an Bord. Einer war dabei, der sich sehr interessiert umschaute. Ich hörte ihn positiv für mich sagen, dass ich trotz langem Stillliegen und keiner Pflege doch noch in einem passablen Zustand sei. Allerdings negativ für mich, doch leider fehlen ihm die Zeit und die nötigen Mittel mich wieder instand zu setzen. Die Leute gingen von Bord, und ich war um eine Hoffnung ärmer, es sieht wohl so aus, dass mein Ende besiegelt ist, und ich den letzten Weg zum Schrotthafen antreten werde.

 

Zwei Stunden später sah ich den Typ von vorhin, wie er alleine das Neckarufer ent­lang zu mir lief. Er blieb lange nachdenklich am Ufer stehen und machte dann einige Fotos. Beim Weglaufen drehte er sich immer wieder um und betrachtet mich. Habe ich vielleicht doch noch eine Hoffnung?

 

Ein paar Tage darauf wurde mein langjähriger Nachbar, die Schleppboot „Hans-Pe­ter“ zu seiner letzten Reise abgeholt, sein Dasein wird in Kürze auf dem Schrottplatz besiegelt.

 

Ein paar Wochen später sah ich meinen Typ wieder, er kam in Begleitung einer Per­son und besuchte mich noch einmal. Er schaute sich in Ruhe alles genau an, sein Begleiter redete auf ihn ein: „Lass doch den Unsinn, der Motor sitzt fest, die Woh­nung ist nicht zu gebrauchen, kein Strom, keine Toilette und überhaupt, was willst du damit anfangen, usw.“ Mein Typ sagte nicht viel dazu. Einmal hörte ich, dass er sagte „Weisst Du, wenn man keine Probleme hat, dann schafft man sich welche, aber ich habe mich in das Ding verknallt“.

 

Sie gingen von Bord und liessen mich sehr nachdenklich zurück, sollte ich vielleicht doch noch eine Chance erhalten?

 

Ein paar Wochen später kam er wieder mit seinem Begleiter und mit meinem Be­treuer an Bord. Er hatte eine Checkliste dabei und sah sich noch einmal verschieden Details genauer an. Aus seinen Worten entnahm ich, dass er sich noch immer nicht entschieden hat. Wie geht es wohl für mich weiter? Das bange Warten setzt sich fort.

 

Am 21. Juli 2004 hörte ich von meinem Betreuer, der Typ war wieder hier, er hat sich entschieden, er hat dich gekauft. Hurra, die Freude ist grenzenlos. Ich weiss zwar noch nicht, was mich erwartet, aber eines ist gewiss, meine weitere Existenz ist gesi­chert.

 

Später hörte ich, dass viele Leute, die durch meinen Typen angesprochen wurden, positiv reagierten. Er hat auch schon einige Ideen, grundsätzlich will er mich in der jetzigen Substanz erhalten. Er will mich sanft renovieren, und die bestehenden Strukturen erhalten. Die Technik wird wo möglich angepasst. Er will mich auch als Bereisungsschiff benützen, stellen Sie sich vor: Ich kann zu den vorher genannten Städte auch nach Basel, Stuttgart, Berlin, Bremen, Warschau, Dresden, Prag, St. Petersburg, Amsterdam, Köln, Frankfurt, Nürnberg, Wien, Bratislava, Budapest, Novi Sad, Belgrad usw. usw. fahren.

 

Ich könnte Botschafter zwischen den Städten und Länder werden, ich könnte in mei­nem Laderaum ein kleines Schifffahrtsmuseum mitführen. Ich könnte Menschen von einer Stadt und von einem Fluss zum anderen bringen. Ich könnte einer breiteren Bevölkerungsschicht die Möglichkeiten einer ökologisch nützlichen und sicheren Schifffahrt näher bringen. Ich könnte für einen Kunstmaler eine Ausstellung organi­sieren. Ich könnte für Vereinsanlässe eingesetzt werden. Ich könnte für Jubiläen be­nützt werden. Ich könnte für Theateraufführungen den Raum bieten. Ich könnte..., aber halt, ich glaube ich träume, bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und etliche Ideen werden wohl ein Traum bleiben.

 

Zwischenzeitlich hat mein Typ ein paar Personen zusammen getrommelt, am 22.07.2004 wurde in Muttenz der uneigennützige Verein „Historische Binnenschiff­fahrt“ aus der Taufe gehoben. Er wird der Trägerverein für mich, den schon abge­schrieben geglaubten Willi, sein. Sie können sich meine Freude gar nicht vorstellen.

 

Aber ein Verein lebt nur mit Vereinsmitgliedern, ad hoc haben sich kurz nach der Gründung schon rund 20 potentielle Mitglieder gemeldet. Es gibt schon einige Spon­soren. Auch haben sich Personen gemeldet, die bereit sind, an mir zu arbeiten. Mit vereinten Kräften können Sie einen technischen Zeitzeugen von 1909, mich den Willi, wieder im alten Glanz erstehen lassen und einer neuen Bestimmung zuführen.

 

Ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie meine Geschichte bis zu Ende gelesen haben. Sind Sie interessiert, begeistert? Es würde mich freuen, wenn auch Sie mitmachen und mich und den Verein „Historische Binnenschifffahrt“ unterstützen würden. Sei es als Mitglied, sei es als Gönner oder Sponsor.

 

Der Jahresbeitrag beträgt für: 


 

  • Aktivmitglieder CHF 50.00 oder € 35,00

  • Firmen, Vereine, Institutionen CHF 330.00 oder € 200,00

 

Eine Mitgliedschaft beinhaltet keine Haftung.

Aktive Mitarbeit wird nicht verlangt.

Einzelheiten über eine Vereinsmitgliedschaft gibt es >hier<.

 

Muttenz, den 31.07.2004

 

Es grüsst Sie in Freundschaft Willi (free Willi)

 

Stellvertretend für mich, der Präsident des Vereins „Historische Binnenschifffahrt“

 

G. Baumgartner

WILLI und HANS-PETER am Liegeplatz am Neckarufer in Mannheim am 15. Juni 2004 © Günther Baumgartner
WILLI und HANS-PETER am Liegeplatz am Neckarufer in Mannheim am 15. Juni 2004 © Günther Baumgartner

Vielen Dank, dass Sie bis hier her gelesen haben. Interessiert Sie meine weitere Geschichte? Dann lesen Sie bitte

>hier die 1. Folge des Tagebuchs von WILLI (22.7. - 3.9.2004)<.